Pirmasens – Vitrine im Rheinberger-Atrium lädt Besucher zu Zeitreise ein

Der Rheinberger gilt als das zentrale Symbol der Pirmasenser Schuhgeschichte. Ab sofort können Touristen wie Einheimische auf eine spannende Spurensuche durch die wechselvolle Historie des imposanten Industriedenkmals gehen.
Besucher, die das Atrium durch das Werkstor in der Schachenstraße betreten, fällt die neue Vitrine sofort ins Auge: Gut zwei auf zwei Meter ist der repräsentative Schaukasten groß, der neben der ehemaligen Pförtnerloge hängt. Eine Collage aus 15 eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern dokumentiert den aufwendigen Herstellungsprozess eines Schuhs – vom Zuschnitt über das Stanzen und Buggen bis hin zum Zwicken und Steppen. Die Fotografien entstammen einer undatierten Werbebroschüre des Unternehmens.
Mittels QR-Code können Interessierte mehr über die bewegte Geschichte der Marke Rheinberger und die gleichnamige Familiendynastie erfahren. Peter Felber, Mitarbeiter im Pirmasenser Stadtarchiv, zeichnet in 17 Kapiteln den steilen Aufstieg und beispiellosen Niedergang nach, der eng mit der Entwicklung der Deutschen Schuhmetropole verknüpft ist. Ausgehend von der Firmengründung 1882 im „Landgräflichen Husarenstall“ spannt sich der Bogen über die Expansion zum modernen Großbetrieb, die Auswirkungen der beiden Weltkriege bis hin zu Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und schließlich dem Verkauf des einstigen Flaggschiffs an den Hauensteiner Fabrikanten Rudolf Seibel. Die reich bebilderte Dokumentation widmet sich auch dem sozialen Engagement der Familie Rheinberger, beleuchtet die Rolle des Unternehmens im Nationalsozialismus mit Zwangsarbeit und Militärstiefel-Produktion sowie die frühe Spezialisierung auf orthopädische Qualitätsschuhe. Erwähnung finden außerdem die innovativen Werbemethoden mit der „Rheinberger Jugendpost“ als Mittel zur Verkaufsförderung und Kundenbindung. Den Abschluss der reich bebilderten Darstellung bildet die vor mehr als zwei Jahrzenten angestoßene Revitalisierung zu einem modernen Dienstleitungszentrum. 18 Millionen Euro sind damals in die erfolgreiche Transformation der leerstehenden Fabrik geflossen. Dank des Dynamikum, dem einzigen Science Center in Rheinland-Pfalz, hat sich der Rheinberger zu einem Besuchermagnet und touristischen Leuchtturm in der Südwestpfalz entwickelt.
Ein weiterer Blickfang in der Vitrine – hergestellt von der städtischen Schreinerei – ist die Büste von Gustav Rheinberger (1889-1968). Der Sohn des Firmengründers übernahm 1918 die Leitung des Familienbetriebs. Unter seiner Ägide erfolgten die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und der Aufstieg zur größten deutschen Schuhfabrik. Mehr als 2 500 Menschen standen bei der Rheinberger AG in Lohn und Brot. Rund 1,5 Millionen Paar Schuhe wurden pro Jahr in Pirmasens und im Zweigwerk in Offenbach am Main gefertigt.
Die Bronze-Plastik mit dem Konterfei des Pirmasenser Ehrenbürgers hat der renommierte Bildhauer Max Kratz (1921-2000) geschaffen. Der in Remscheid geborene Künstler und spätere Hochschulprofessor war der Schwiegersohn von Gustav Rheinberger. Dessen jüngste Tochter Gerda (1926-2011) war seit 1951 mit Kratz verheiratet. Die Büste – ein Nachguss aus dem Jahr 2021 – hat Thomas Kratz, Enkel von Gustav Rheinberger, der Stadt Pirmasens vermacht. Anlass war die vielbeachtete Wechselausstellung „Max und Gerda Kratz – eine Künstlerehe“, die im Winter 2021/2022 im Forum Alte Post zu sehen war.
BU: Die neue Vitrine hat neben der ehemaligen Pförtner-Loge im Rheinberger einen Platz gefunden. (Foto: Stadt Pirmasens / Maximilian Zwick)
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