Kläranlagen als Energieproduzenten: Wie Zweibrücken, Schweich und die Vordereifel mit Solarstrom Kosten senken

Kläranlagen werden zu Kraftwerken: Wie Zweibrücken und andere Kommunen mit Solarstrom Energiekosten senken

Photovoltaik, Speichertechnik und Klärgasnutzung zeigen, wie kommunale Kläranlagen Schritt für Schritt unabhängiger vom Strommarkt werden können. Beispiele aus Zweibrücken, Schweich und der Vordereifel machen deutlich: Die Energiewende findet längst auch dort statt, wo täglich Abwasser gereinigt wird.

Kläranlagen gehören zu den größten Stromverbrauchern kommunaler Einrichtungen. Pumpen, Belüftung und Schlammbehandlung laufen rund um die Uhr und sorgen dafür, dass selbst kleinere Anlagen jedes Jahr mehrere hunderttausend Kilowattstunden Strom benötigen. Entsprechend hoch ist die finanzielle Belastung für Städte und Verbandsgemeinden.

Gleichzeitig zeigt sich aber immer deutlicher: Kläranlagen sind nicht nur Verbraucher, sondern können auch zu wichtigen Energieproduzenten werden. Mit Photovoltaik, Batteriespeichern, Klärgasnutzung und intelligenter Verteilung des selbst erzeugten Stroms entstehen neue Möglichkeiten, die Betriebskosten zu senken und die Versorgung langfristig sicherer zu machen.

Hoher Energiebedarf bleibt ein großer Kostenfaktor

Auch wenn technische Verbesserungen den Energieverbrauch in vielen Bereichen bereits reduziert haben, bleibt die Abwasserreinigung ein teurer Posten. Der Strombedarf summiert sich schnell auf erhebliche Größenordnungen.

Alexander Ehl von der Energie- und Klimaschutzagentur Rheinland-Pfalz bringt es auf den Punkt: Kommunen müssen handeln. Hintergrund ist die EU-Kommunalabwasserrichtlinie, nach der Kläranlagen bis 2045 energieneutral betrieben werden sollen. Damit wird aus einer freiwilligen Modernisierung zunehmend eine strategische Notwendigkeit.

Für Kommunen geht es dabei nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um handfeste wirtschaftliche Vorteile. Wer selbst Strom produziert, muss weniger teuer einkaufen, ist weniger anfällig für Preissprünge am Energiemarkt und kann Gebühren für Bürgerinnen und Bürger stabiler halten.

Zweibrücken: Ein Beispiel mit Signalwirkung für die Pfalz

Besonders spannend aus Pfälzer Sicht ist der Blick nach Zweibrücken. Dort setzt der Umwelt- und Servicebetrieb bereits seit einiger Zeit auf eine konsequente Eigenstromstrategie.

Auf allen Gebäuden der Kläranlage wurden Photovoltaikanlagen installiert. Zusätzlich liefert ein Solarzaun weitere Energie. Der Erdgas-Anschluss konnte bereits stillgelegt werden – ein deutlicher Schritt weg von fossilen Energieträgern.

Der jährliche Strom- und Wärmebedarf liegt in Zweibrücken bei rund 1,1 Millionen Kilowattstunden. Bereits heute werden davon rund 80 Prozent durch Eigenproduktion gedeckt. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet ein Klärgas-Blockheizkraftwerk, das jedes Jahr rund 800.000 Kilowattstunden Strom erzeugt. Hinzu kommen Solarkollektoren mit etwa 100.000 Kilowattstunden pro Jahr.

Die Wirkung ist deutlich spürbar: Die jährliche Stromkosteneinsparung liegt laut den Verantwortlichen bei rund 260.000 Euro. Damit zeigt sich sehr konkret, wie stark sich Investitionen in moderne Energieversorgung bei kommunalen Anlagen auszahlen können.

Ein weiterer wichtiger Baustein ist ein Batteriespeicher mit 233 Kilowattstunden Speicherkapazität. Er hilft dabei, Schwankungen zwischen Erzeugung und Verbrauch auszugleichen und den selbst produzierten Strom gezielter zu nutzen.

Die nächsten Schritte sind bereits geplant: Ein zusätzliches PV-Tracker-System mit rund 180.000 Kilowattstunden Jahreserzeugung sowie eine Erweiterung des Gasspeichers sollen in Zukunft dabei helfen, die vollständige Eigenstromversorgung zu erreichen.

Vordereifel: Viele Technologien, ein Ziel

Auch die Verbandsgemeindewerke Vordereifel zeigen, wie breit kommunale Energiekonzepte inzwischen aufgestellt sein können. An insgesamt neun Klär- und Pumpwerkstandorten kommen unterschiedliche Lösungen zum Einsatz.

Dazu gehören klassische Dach-Photovoltaikanlagen, Solartracker-Systeme und sogar steckerfertige Solaranlagen. An mehreren Standorten ergänzen Batteriespeicher das System, um die Versorgung auch bei wechselhafter Sonneneinstrahlung stabil zu halten.

Bei einem jährlichen Strombedarf von rund 600.000 Kilowattstunden sparen die Werke durch Sonnenenergie bereits heute einige Zehntausend Euro pro Jahr ein. Das ist ein wichtiger Schritt, aber noch nicht das Ende der Entwicklung.

Die Verbandsgemeinde verfolgt das Ziel einer energieautarken Kläranlage weiter. Ein geplantes Projekt soll künftig rund 16 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr erzeugen, die über einen Strombilanzkreis direkt vor Ort genutzt werden können. Zusätzlich sind weitere Tracker-Systeme, zusätzliche Batteriespeicher und sogar ein elektrischer Allrad-Transporter in Umsetzung.

Das zeigt: Es geht längst nicht mehr um einzelne Solarmodule auf dem Dach, sondern um ein Gesamtkonzept für kommunale Infrastruktur.

Schweich: Wenn die Kläranlage mehr Strom erzeugt als sie braucht

Besonders weit ist auch die Verbandsgemeinde Schweich. Dort wird das Potenzial der eigenen Flächen gezielt ausgeschöpft.

An der Gruppenkläranlage Leiwen erzeugen zwei Photovoltaikanlagen mit zusammen 566 kWp rund 600.000 Kilowattstunden Strom pro Jahr – und damit mehr, als die Anlage selbst benötigt. Der überschüssige Strom wird nicht verschenkt, sondern innerhalb eines Strombilanzkreises auf andere Liegenschaften der Verbandsgemeindewerke verteilt.

Davon profitieren unter anderem eine weitere Gruppenkläranlage, sieben Grundschulen und mehrere Feuerwehrgerätehäuser. Genau darin liegt ein großer Vorteil moderner kommunaler Energieplanung: Strom bleibt im eigenen System und kann dort eingesetzt werden, wo er gebraucht wird.

Bereits heute sinken in Schweich die Kosten für den Netzbezug durch den selbst erzeugten Strom um rund 180.000 Euro jährlich. Weitere Photovoltaikanlagen und die Nutzung von Windenergie sollen diesen Weg künftig noch ausbauen.

Warum sich solche Investitionen lohnen

Die Beispiele aus Zweibrücken, Schweich und der Vordereifel machen deutlich, dass Eigenstrom aus Kläranlagen weit mehr ist als ein grünes Prestigeprojekt.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • geringere laufende Energiekosten
  • mehr Unabhängigkeit von schwankenden Strompreisen
  • höhere Versorgungssicherheit
  • langfristig stabilere Gebührenstrukturen
  • ein wichtiger Beitrag zu Klimaschutz und kommunaler Zukunftssicherheit

Gerade in Zeiten unsicherer Energiemärkte sind das starke Argumente. Kommunen, die ihre Kläranlagen modernisieren, investieren nicht nur in Technik, sondern auch in wirtschaftliche Stabilität.

Vom Stromfresser zum Energiezentrum

Was früher vor allem als kostenintensive Pflichtaufgabe galt, entwickelt sich zunehmend zu einem intelligenten Baustein kommunaler Energieversorgung. Kläranlagen werden Schritt für Schritt zu Orten, an denen nicht nur gereinigt, sondern auch produziert, gespeichert und verteilt wird.

Das Beispiel Zweibrücken zeigt dabei besonders nah an der Pfalz, was heute schon möglich ist. Und die anderen rheinland-pfälzischen Projekte machen klar: Diese Entwicklung steht nicht erst am Anfang, sie läuft bereits.

Die Energiewende findet also nicht nur auf Hausdächern, in Windparks oder auf freien Feldern statt. Sie findet auch dort statt, wo täglich unser Abwasser gereinigt wird – leise, technisch anspruchsvoll und mit großem Nutzen für Kommunen und Bürger.

Datum: 22. April 2026|Thema: Aus der Region, Facebook, Stadt Zweibrücken, Top Aktuell|

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