WHO-Studie offenbart Bewegungsmangel von Jugendlichen: Beteiligter RPTU-Forscher ordnet Situation in Deutschland ein

Eine neue Analyse von mehr als 3,2 Millionen Jugendlichen aus 140 Ländern zeigt: Bewegungsmangel bleibt ein globales Problem. In Deutschland ist nur rund jede beziehungsweise jeder Siebte an allen sieben Tagen der Woche ausreichend körperlich aktiv. Zugleich offenbart die Studie deutliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Die statistische Modellierung der umfangreichen Erhebung leitete RPTU-Wissenschaftler Seth Flaxman.
Jeder vierte Jugendliche weltweit war nach eigenen Angaben an keinem einzigen Tag der vorausgegangenen Woche mindestens 60 Minuten körperlich aktiv. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die in der Fachzeitschrift The Lancet Global Health veröffentlicht wurde. An der umfangreichen internationalen Studie war die Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) maßgeblich beteiligt: RPTU-Wissenschaftler Seth Flaxman, Professor für Informatik, leitete die statistische Modellierung.
Die Untersuchung basiert auf 389 bevölkerungsweiten Befragungen aus 140 Ländern und Territorien mit mehr als 3,2 Millionen Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren. Ziel war es, aktuelle regionale, nationale und globale Schätzungen zur körperlichen Aktivität von Jugendlichen zu erstellen, Entwicklungen seit 2010 zu analysieren und den Fortschritt auf dem Weg zum globalen WHO-Ziel für das Jahr 2030 zu bewerten.
„Weltweit und auch in Deutschland sind zu viele Jugendliche körperlich nicht ausreichend aktiv“, fasst Seth Flaxman die Ergebnisse zusammen. „Jeder vierte Jugendliche weltweit bewegt sich an keinem einzigen Tag der Woche auch nur eine Stunde lang ausreichend. Wir wissen, dass sich dies sowohl auf die körperliche als auch auf die psychische Gesundheit auswirkt – heute und für das gesamte weitere Leben. Als Gesellschaft haben wir die Möglichkeit, dies zu verändern. Wir können Jugendliche dabei unterstützen, jeden Tag aktiv zu sein, und durch inklusive politische Maßnahmen gerade diejenigen erreichen, die sich bislang gar nicht bewegen.“
Seth Flaxman zählt international zu den führenden Forschern an der Schnittstelle von Statistik, maschinellem Lernen und globaler Gesundheit. An der RPTU stärkt er mit seiner Professur die Forschung zu datengetriebenen Analysen gesellschaftlich relevanter Fragestellungen und bringt seine Expertise in den Schwerpunkt „AI, Computing and Society“ ein, mit dem die RPTU die gesellschaftlichen Auswirkungen und Anwendungsmöglichkeiten moderner KI erforscht. Seine Forschung verbindet Fachkenntnisse in Statistik und maschinellem Lernen mit Anwendungen in den Bereichen Bevölkerungsgesundheit und globale Gesundheit. Dabei arbeitet er eng mit der WHO, UNICEF und dem Welternährungsprogramm an datengestützten Modellen zu körperlicher Aktivität, klimatischen Bedrohungen für die Gesundheit von Kindern und Ernährungsunsicherheit.
Komplexe Datenanalyse
Für die aktuelle Studie wurden Daten aus nationalen Gesundheits- und Bevölkerungsbefragungen zusammengeführt. Die Forschenden analysierten, an wie vielen Tagen pro Woche Jugendliche die von der WHO empfohlene Mindestdauer von 60 Minuten körperlicher Aktivität mittlerer bis hoher Intensität erreichen. Als „aktiven Tag“ definierten sie einen Tag mit mindestens 60 Minuten körperlicher Aktivität mittlerer bis hoher Intensität. Mithilfe moderner statistischer Modelle konnten die Forschenden die Verteilung körperlicher Aktivität nach Alter, Geschlecht, Land und Jahr präzise schätzen sowie Entwicklungen bis zum Jahr 2030 prognostizieren.
Deutsche Jugendliche erreichen die Bewegungsempfehlungen selten
Für Deutschland zeigen die Ergebnisse ein gemischtes Bild: Einerseits bewegen sich Jugendliche hierzulande ähnlich häufig wie viele ihrer europäischen Altersgenossen. Andererseits erreicht die große Mehrheit die Bewegungsempfehlungen der WHO nicht. Lediglich etwa jede beziehungsweise jeder Siebte in Deutschland ist an allen sieben Tagen einer Woche mindestens 60 Minuten körperlich aktiv. Mit knapp 15 Prozent liegt Deutschland damit nur wenig über dem weltweiten Durchschnitt von 14 Prozent. Deutsche Jugendliche kommen im Mittel auf etwa vier aktive Tage pro Woche.
Im internationalen Vergleich gehört Deutschland damit zum Mittelfeld: Der Anteil der Jugendlichen, die an allen sieben Tagen der Woche mindestens 60 Minuten körperlich aktiv sind, liegt hinter Ländern wie Finnland (28 Prozent), Kanada (25 Prozent), Polen und Österreich (jeweils 19 Prozent), den Niederlanden (18 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (17 Prozent). Vergleichbare Werte weisen die Schweiz (15 Prozent) und Dänemark (14 Prozent) auf, während Frankreich (11 Prozent) und Italien (9 Prozent) niedrigere Anteile verzeichnen.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass knapp die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland körperlich nur eingeschränkt aktiv ist: Schätzungsweise 45 Prozent erreichen die empfohlene Bewegungsdauer an höchstens drei Tagen pro Woche. Die Studie zeigt damit, dass regelmäßige körperliche Aktivität für viele Jugendliche nicht selbstverständlich zum Alltag gehört.
Jungen sind fast doppelt so häufig aktiv wie Mädchen
Auffällig sind vor allem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Während 17 Prozent der Jungen täglich körperlich aktiv sind, trifft dies nur auf 9 Prozent der Mädchen zu. Zudem nimmt die Aktivität mit zunehmendem Alter deutlich ab: Elfjährige erreichen im Durchschnitt noch 4,3 aktive Tage pro Woche, bei 17-Jährigen sinkt dieser Wert auf etwa 3,4 Tage.
Tessa Strain, die Erstautorin der Publikation von der University of Edinburgh, ordnet ein: „Unsere Studie zeigt, dass deutsche Jugendliche etwas weniger aktiv sind als viele ihrer europäischen Altersgenossen und die meisten insgesamt nicht ausreichend Bewegung bekommen. Besonders deutlich sind die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern: Jungen sind fast doppelt so häufig täglich aktiv wie Mädchen. Zudem bewegen sich ältere Jugendliche deutlich weniger als jüngere.“
Gleichzeitig weist die Studie darauf hin, dass nur vergleichsweise wenige Jugendliche in Deutschland überhaupt keinen aktiven Tag pro Woche haben. Während weltweit rund 25 Prozent der Jugendlichen an keinem einzigen Tag die Bewegungsempfehlung erreichen, liegt dieser Anteil in Deutschland bei lediglich etwa 5 Prozent.
Seit Jahren kaum Fortschritte
Weltweit hat sich die Situation nach Angaben der Forschenden in den vergangenen 15 Jahren kaum verbessert. Das Aktivitätsniveau von Jugendlichen ist weitgehend unverändert geblieben. Dabei zählt Bewegungsmangel zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und verschiedene Krebsarten.
Die Ergebnisse verdeutlichen, wie groß die Herausforderungen auf dem Weg zu mehr körperlicher Aktivität bei Jugendlichen nach wie vor sind. Nach den Berechnungen der Forschenden ist derzeit kein Land auf Kurs, das von der WHO formulierte globale Ziel für das Jahr 2030 zu erreichen. Dieses sieht vor, den Anteil der Jugendlichen, die die Empfehlung von täglich mindestens 60 Minuten körperlicher Aktivität nicht erfüllen, deutlich zu senken. Die Ergebnisse unterstreichen damit, dass Bewegungsmangel bei Jugendlichen weltweit weiterhin eine große Herausforderung für die Gesundheits- und Gesellschaftspolitik bleibt.
Eine zentrale Erkenntnis der WHO ist darüber hinaus, dass körperliche Aktivität maßgeblich von den Lebensbedingungen junger Menschen beeinflusst wird: Ob sich Kinder und Jugendliche ausreichend bewegen, hängt unter anderem von sicheren Verkehrswegen, dem Zugang zu öffentlichen Räumen, dem schulischen Umfeld sowie der Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit von Sport- und Freizeitangeboten ab. Gleichzeitig verbringen viele Jugendliche einen immer größeren Teil ihrer Freizeit vor Bildschirmen. Die Forschenden betonen daher, dass es nicht genügt, Jugendliche allein zu mehr Bewegung zu motivieren. Ebenso entscheidend sei es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die körperliche Aktivität selbstverständlich in den Alltag integrieren.
Die aktuelle Veröffentlichung:
National, regional, and global trends in adolescent physical activity from 2010 to 2025: a pooled analysis of 389 surveys with 3,2 million participants from 140 countries. Lancet Global Health 2026. DOI: https://doi.org/10.1016/j.langlo.2026.104099
Quelle/ Logo: RPTU | Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern Landau
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