Solarstrom an Nachbarn verkaufen: Lohnt sich Energy Sharing ab Juni 2026 wirklich?

Wer eine Photovoltaikanlage betreibt, kennt das Dilemma: Überschüssiger Strom wird für läppische 7 bis 8 Cent ins Netz eingespeist – während der Nachbar nebenan rund 30 Cent pro Kilowattstunde zahlt. Ein Missverhältnis, das sich viele Jahre lang nicht ändern ließ.
Das ist seit dem 1. Juni 2026 vorbei.
Mit dem neuen § 42c EnWG dürfen PV-Betreiber ihren Überschussstrom endlich rechtssicher an Nachbarn verkaufen. Energy Sharing ist da. Aber lohnt es sich auch?
Ein Praxisbeispiel: Familie Müller aus Kaiserslautern
Die Ausgangslage ist typisch:
- PV-Anlage: 12 kWp
- Jahresertrag: ca. 12.000 kWh
- Eigenverbrauch: 4.000 kWh
- Überschuss: 8.000 kWh
Bisher flossen diese 8.000 kWh für 7,8 Cent ins Netz – macht 624 Euro im Jahr. Nicht schlecht, aber weit unter dem, was möglich wäre.
Mit Energy Sharing verkauft Familie Müller 3.000 kWh davon direkt an den Nachbarn – für 20 Cent pro Kilowattstunde. Das ist ein fairer Preis: Der Nachbar zahlt statt 30 nur noch 20 Cent und spart damit ein Drittel. Familie Müller erhält mehr als das Doppelte der bisherigen Einspeisevergütung.
Die Rechnung ist eindeutig:
| Bisher | Mit Energy Sharing | |
|---|---|---|
| Einnahmen Müller | 234 € | 600 € |
| Ersparnis Nachbar | — | 300 € |
| Mehrerlös | +366 € / Jahr |
Beide gewinnen. Kein Nullsummenspiel, sondern echter Mehrwert auf beiden Seiten.
Der Haken: Das Netz ist kein Direktkabel
Wer jetzt denkt, der Strom fließt einfach vom Dach zum Nachbarn – der irrt. Technisch läuft alles bilanziell über das öffentliche Netz. Und das kostet:
- Netzentgelte
- Konzessionsabgabe
- Umlagen
- Messkosten
Zusammen können das 10 bis 15 Cent pro Kilowattstunde sein. Genau hier liegt der größte Kritikpunkt am neuen Gesetz – und er ist berechtigt. So lange diese Kosten nicht für lokal geteilten Strom reduziert werden, bleibt ein Teil des Potenzials auf der Strecke.
Was braucht man, um loszulegen?
Der technische Aufwand ist überschaubar:
Anlagenbetreiber braucht zusätzlich zur bestehenden PV-Anlage:
- Ein Smart Meter
- Einen Vertrag mit den Teilnehmern
- Einen Energy-Sharing-Dienstleister
Nachbar braucht:
- Ein Smart Meter
- Seinen bisherigen Stromvertrag (bleibt bestehen)
Wichtig zu wissen: Der Nachbar wird nicht vollständig versorgt. Nachts und im Winter kommt weiterhin Strom vom regulären Anbieter. Energy Sharing ergänzt – es ersetzt nicht.
Typische Kosten auf einen Blick:
| Position | Kosten |
|---|---|
| Smart Meter Einbau | 100–300 € |
| Messstellenbetrieb | 20–60 € / Jahr |
| Abrechnungsservice | 50–200 € / Jahr |
Wie viel Bürokratie bleibt?
Deutlich weniger als viele befürchten. Drei frühere Hürden fallen komplett weg:
Energieversorger-LizenzLieferantenpflichtBilanzkreisverantwortung
Was bleibt: Vertrag, Smart Meter, Abrechnung, Meldung über einen Dienstleister. Handhabbar – aber nicht aufwandsfrei.
Wann lohnt sich Energy Sharing – und wann nicht?
Eher nicht sinnvoll:
- Balkonkraftwerk oder Anlage unter 5 kWp
- Nur ein Nachbar, wenig Überschuss
Interessant ab:
- 8–15 kWp Anlagengröße
- Mehreren Teilnehmern
- Hohem Überschuss, Smart Meter bereits vorhanden
Besonders attraktiv:
- Neubaugebiete
- Wohnanlagen und Mehrfamilienhäuser
- Dorfgemeinschaften und kleine Gewerbegebiete
Hier verteilen sich Verwaltungs- und Messkosten auf viele Schultern – und das Modell entfaltet seine volle Stärke.
Unsere Einschätzung
Energy Sharing ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Wer heute eine größere PV-Anlage besitzt und regelmäßig mehrere tausend Kilowattstunden Überschuss erzeugt, kann damit künftig deutlich mehr verdienen als mit der klassischen Einspeisevergütung.
Der große Durchbruch wird allerdings erst kommen, wenn Netzentgelte und Umlagen für lokal geteilten Strom reduziert werden. Genau diese Kosten bremsen die Wirtschaftlichkeit derzeit noch aus.
Für viele Eigenheimbesitzer gilt deshalb:
Ab etwa 8–10 kWp Anlagengröße und mindestens einem oder zwei interessierten Nachbarn wird Energy Sharing erstmals wirtschaftlich interessant. Bei Quartieren, Wohnanlagen und Dorfgemeinschaften kann daraus sogar ein echtes Zukunftsmodell werden.
Das Thema dürfte in den nächsten zwei bis drei Jahren eine ähnliche Entwicklung nehmen wie Photovoltaik vor zehn Jahren – heute noch neu, morgen möglicherweise ganz normal in vielen Wohngebieten.
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