Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

  • Kunstgriff:
    Was macht ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie eigentlich?
  • Dittmann:
    Die Aufgabe für einen Facharzt der Kinderpsychiatrie und Jugendpsychotherapie besteht in der Behandlung seelischer Probleme, aber auch sozialer, schulischer oder familiärer Verhaltensproblematiken von Kindern und Jugendlichen im Alter von 4 – 21 Jahren.
    Es sind im Groben vier Bereiche, die diese Arbeit umfasst. Zunächst sind es, ich nenne es „individuelle“ Probleme eines meist Jugendlichen. Mit Beginn der Pubertät, der Ablösungsphase von den Eltern und der Sinnfrage „wohin“ und „warum“ suchen Jugendliche immer häufiger Rat bei einem Fachmann bzw. -frau. Früher gab es deutlich mehr Vorbehalte einen „Psychodoktor oder -therapeuten aufzusuchen. Das hat sich geändert. Die Jugendlichen informieren sich selbst über psychische Störungen; das sowohl einerseits individuell übers Internet, andererseits aber auch durch Gespräche mit Gleichaltrigen. Die entstehenden Fragen oder Verunsicherungen führen dann zur Kontaktaufnahme mit der Therapiepraxis. So ab dem Alter von 13 – 14 gibt es dann Angebote zu Einzelgesprächen (ohne Beisein der Eltern). Der nächste Bereich ist die Schule. Ein Großteil der Anfragen durch Eltern entsteht aufgrund der Anregung durch die Lehrer. Im großen Umfang geht es hierbei um das Thema Leistung, Noten und richtige Beschulung oder Teilleistungsstörungen, wie z. B. Lese-Rechtschreibfähigkeit. Daneben ist immer wieder das Thema „Konzentration“ mit im Focus. Oft steht die Frage im Raum, ob ein sogenanntes ADHS (Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) vorliegt. Zugenommen haben jedoch die Anfragen in der Praxis aufgrund Verhaltensproblemen in der Schule. Hauptsächlich geht es hierbei um Aggressivität und Mobbing.
    Der dritte Bereich ist mit dem Wort „Familie“ zu erfassen. Eltern kommen in die Praxis, weil es zu Hause Schwierigkeiten gibt. Es gibt Autoritätsprobleme, Anweisungen werden nicht befolgt und Eltern gegeneinander ausgespielt. Berufstätigkeit beider Eltern, Trennung oder / und alleinerziehend sind ein großes Thema in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie-Praxis. Die entstandenen Schwierigkeiten sind nicht allein dem Kind oder dem Jugendlichen zu zu schreiben, da sind alle Akteure dieser Sozialgemeinschaft gefragt. In diesem Kontext wird Erziehungsberatung oder Familientherapie angeboten.
    Ein weiterer Bereich des Tätigkeitsfeldes umfasst die sogenannte „Sozialpsychiatrie“. Hierbei geht es um die Versorgung und Unterstützung in vernetzten Systemen. Das heißt die Zusammenarbeit mit allen „Playern“, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Angefangen bei einer Beratung von Kindergärten, Zusammenarbeit mit allen Schulformen, der Betreuung von Jugendhilfeeinrichtungen und Kooperation mit Jugendämtern, Behörden und Krankenhäusern.
  • Kunstgriff:
    Was ist das Besondere an Ihrer Arbeit mit jungen Patienten?
  • Dittmann:
    Es hält einen jung. Man ist immer wieder mit aktuellen Fragen konfrontiert, sowohl was z. B. das Leben mit neuen Medien oder kulturellen Strömungen betrifft als auch wie man heutzutage tickt. Es ist jedoch auch dahingehend umfassender, da junge Menschen viel individueller sind, die Fragestellungen breiter gefächert und immer wieder neu sind. Bei erwachsenen Patienten ist vieles schon „festgelegt“. Auch die diagnostische Einschätzung ist anders im Vergleich zur Erwachsenenwelt. Z.B. sieht eine Depression im Kinder- und Jugendalter anders aus als bei einem Erwachsenen.
  • Kunstgriff:
    Mit welchen Problemen kann man in die Praxis kommen?
  • Dittmann:
    Das können Verhaltensauffälligkeiten sein, die von Schule, Kindergarten oder sozialem Umfeld rück gemeldet werden. Themen sind Konzentrationsstörungen und Aggressivität; oder soziale Probleme, wie Ängste und Verweigerung. Das können familiäre Probleme sein, wenn das Miteinander nicht mehr so gut klappt. Manchmal ist auch Liebeskummer dabei.
    Speziell für die Tätigkeit eines Kinder und Jugendpsychiaters besteht auch die Möglichkeit, neben Gesprächs und Therapieangeboten, eine medikamentösen Behandlung anzubieten.
  • Kunstgriff:
    Können Eltern mit ihrem Verhalten einer psychischen Erkrankung ihres Kindes vorbeugen?
  • Dittmann:
    Eltern können durch ihr Verhalten gegenüber ihren Kindern sehr viel beeinflussen. Zunächst sind die Stabilisierung und Verlässlichkeit der Bindung und Beziehung, insbesondere in den ersten Lebensjahren (nicht mehr so sehr bei Pubertierenden) eminent wichtig. Des Weiteren sind Grenzen von großer Bedeutung. Nur durch Grenzsetzung erkenne ich als Kind meine „Komfort-Zone“; außerhalb dieses Bereiches bin ich in „Lost-Places“.
    Aktuell ist es wichtiger denn je, dass Eltern sich darum kümmern, wie ihre Kinder mit den neuen Medien umgehen, da dort viele negative Einflüsse auf die seelische Gesundheit lauern.
  • Kunstgriff:
    Wie therapiert man Kinder, insbesondere dann, wenn sie sich noch nicht selbst so gut ausdrücken können?
  • Dittmann:
    Zum einen läuft hier viel über heilpädagogische Angebote, wie Gruppentherapie, Entspannung und Psychomotorik. Dann ist auch viel Übungsarbeit angesagt. Aber das Hauptaugenmerk liegt in der Beratung und Unterstützung der Bezugspersonen. Diese kennen das Kind am besten.
  • Kunstgriff:
    Was passiert, wenn ein Akutfall eintritt? Wohin?
  • Dittmann:
    Für Akutfälle ist das Krankenhaus zuständig. Genauso wie in der somatischen Medizin. Wir können Termine anbieten. Die Wartezeiten sind im Moment bei 1 – 2 Wochen.
  • Kunstgriff:
    Welche Fragen können während einer Therapie aufkommen?
  • Dittmann:
    Alles Mögliche. Von der Frage: „Ist das eigentlich ein Problem?“ bis hin zu „…brauchen wir Hilfe durch eine Behörde oder Medikamente?“. Die häufigste Frage lautet allerdings: „Was kann man dagegen machen?“
  • Kunstgriff:
    Ist die Behandlungsmethode eines Kindertherapeuten vergleichbar mit einem „normalen“ Psychologen?
  • Dittmann:
    Eher nicht. Die Therapie mit Kindern ist allermeist vor dem Hintergrund der Entwicklung zu sehen. Die Vorgehensweise bei Kindergartenkindern ist anders als bei Schulkindern, oder dann bei jungen Erwachsenen. Die Rahmenbedingungen sind auch ganz anders. Freundschaft versus Ehe. Schule gegenüber Arbeitsplatz. Suche nach dem „Ich“ im Vergleich zu (vielleicht) „gefundenen Ich“.
    Andererseits gibt es bei der medikamentösen Behandlung eher weniger Unterschiede.